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Kreuzkette (Online-Aktion "Kreuze" nr 3)

Kreuz 71 (65x90) © Andrea Terstappen
Bildrechte: Andrea Terstappen

Der Morgen verlief wie jeder andere. Clara frühstückte mit ihren Geschwistern, ärgerte ihre Schwester und rannte mit ihrem Bruder in die Schule. Es klingelte zum Unterricht, als sie sich setzte. Sie hatte ihr blaues Halstuch vergessen. In der Pause nahm ihre Lehrerin sie beiseite, mit der Bitte, ihre Kreuzkette abzulegen und auf ihr Halstuch zu achten.

Clara konnte nicht begreifen, dass das Halstuch wichtiger sein sollte, wichtiger auch als ihre beste Note unter dem Aufsatz: „Des Kaisers neue Kleider“. Ein Klassenkamerad hatte dazu nur einen Satz geschrieben: „Der Kaiser war nackt, so betrog er das Volk!“ Dieser Junge lebte in einem Kinderheim, seine Eltern sollten verhaftet worden sein. Aber so genau wusste das keiner von ihnen.

Clara wunderte sich über die Angst der Lehrerin, die ihr aus den Augen sprang und die Zornesröte im Gesicht, als sie diesen einen Satz vorlas und den Jungen zwei Stunden nachsitzen ließ mit dem Thema: „Warum es im Sozialismus keine Kaiser mehr gibt.“

Offensichtlich gab es Dinge, die eine große Rolle im Leben spielten, eine größere noch als eine Eins unter dem Aufsatz oder eine Kreuzkette am Hals. Sie empfand Mitleid mit ihrer Lehrerin, denn sie mochte sie.

Aus: Jutta Kranich-Rittweger: Die Einsamkeit des Kindes. Erzählungen, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, S.9.

Mit freundlicher Genehmigung: Evangelische Akademie Thüringen